Ergebnisse
Beim Ende des Kalten Krieges denken viele an den Fall der Berliner Mauer oder die Grenzöffnung zwischen Österreich und Ungarn. Nur selten wird in diesem Zusammenhang ein Prozess erwähnt, der mehr als zwei Jahrzehnte zuvor begonnen hatte: die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). Sie bildete ein Kommunikationsforum über die Blockgrenzen des Kalten Krieges hinweg. Die 35 Teilnehmerstaaten verhandelten über die Gestaltung ihrer Beziehungen zueinander.
Das dritte KSZE-Folgetreffen, welches von 1986 bis 1989 in Wien stattfand, gilt als zweiter Höhepunkt des KSZE-Prozesses nach dem Abschluss der ersten Konferenz 1975. Besonders in Bezug auf humanitäre Fragen konnten weitreichende Errungenschaften erzielt werden. Das Projekt ging der Frage nach, welche Faktoren und Akteursgruppen dafür von Bedeutung waren. Hierzu wurden Dokumente aus verschiedenen Archiven analysiert. Zusätzlich wurden Interviews mit Zeitzeuginnen bzw. Zeitzeugen geführt, die mediale Berichterstattung untersucht und Memoiren und Schriften von Diplomatinnen und Diplomaten einbezogen.
Die Auswertung dieses Quellenkorpus zeigt verschiedene Aspekte auf, die zum Erfolg des Wiener Folgetreffens beitrugen. Zunächst beeinflussten verbesserte Ost-West-Beziehungen, besonders das Verhältnis der beiden Großmächte zueinander, die Verhandlungen. Außerdem nahmen Bürger- und Menschenrechtsorganisationen direkt und indirekt vermehrt Einfluss auf die Verhandlungen. Sie wandten sich in Briefen und persönlichen Gesprächen an Delegationen, erregten durch Diskussionsrunden und andere Veranstaltungen aber auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Eben diese Öffentlichkeit ist der dritte Faktor, der die Verhandlungen beeinflusste.
Bei der Analyse der Entwicklung des Wiener Folgetreffens darf besonders ein Faktor nicht außer Acht gelassen werden: die Rolle Michail Gorbatschows als neuem Machthaber in der Sowjetunion. Er leitete bereits vor dem Wiener Folgetreffen eine neue Menschenrechtspolitik ein, welche Einfluss auf die Verhandlungen hatte. Nicht zu unterschätzen ist auch die Bedeutung des Wandels in einigen osteuropäischen Staaten für das Wiener Folgetreffen. Der Warschauer Pakt war nicht länger ein monolithischer Block, die Sowjetunion nicht sein Sprachrohr. Die einzelnen Staaten setzten sich im Verlauf der Verhandlungen verstärkt für ihre eigenen Interessen ein.
Durch all diese Aspekte war es möglich, in Wien Themen zu verhandeln, die bei den vorausgegangenen Treffen noch tabu gewesen waren. Zu den wichtigsten Ergebnissen des Wiener Folgetreffens gehören Erleichterungen für Familienzusammenführungen, verbesserte Arbeitsbedingungen für Journalistinnen und Journalisten und Bestimmungen, welchen Menschenrechtsorganisationen mehr Handlungsfreiheiten einräumten. Das größte Novum war der sogenannte Wiener Mechanismus. Durch ihn konnte auch außerhalb von KSZE-Veranstaltungen auf Menschenrechtsverletzungen eingegangen und der Handlungsdruck auf den jeweiligen Staat erhöht werden. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es ein Zusammenspiel vieler Faktoren war, welches dazu führte, dass das Wiener KSZE-Folgetreffen mit einem so umfassenden Schlussdokument abgeschlossen werden konnte.
Publikationen
Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea (Hrsg.): Freedom and Security. The CSCE and the End of the Cold War (1986–1989) (New Perspectives on the Cold War 12), Leiden/Boston 2026, DOI: 10.1163/9789004736979.
Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea: The CSCE Follow-up Meeting in Vienna (1986–1989). An Introduction, in: Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea (Hrsg.): Freedom and Security. The CSCE and the End of the Cold War (1986–1989) (New Perspectives on the Cold War 12), Leiden/Boston 2026, S. 1–18, DOI: 10.1163/9789004736979_002.
Brait, Andrea: Negotiations on Cultural Cooperation at the Vienna Follow-up Meeting from the Perspective of the Austrian Foreign Ministry, in: Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea (Hrsg.): Freedom and Security. The CSCE and the End of the Cold War (1986–1989) (New Perspectives on the Cold War 12), Leiden/Boston 2026, S. 70–83, DOI: 10.1163/9789004736979_007.
Laimer, Roland Ernst: The “Neglected Step-Child” of the Vienna CSCE Follow-up Meeting? Basket II from the Perspective of the Austrian Foreign Ministry, in: Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea (Hrsg.): Freedom and Security. The CSCE and the End of the Cold War (1986–1989) (New Perspectives on the Cold War 12), Leiden/Boston 2026, S. 84–93. DOI: 10.1163/9789004736979_008.
Hechenblaikner, Nina: Front Page News or Side Note? The Human Dimension of the Vienna CSCE Follow-up Meeting in Austrian and West German Newspapers, in: Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea (Hrsg.): Freedom and Security. The CSCE and the End of the Cold War (1986–1989) (New Perspectives on the Cold War 12), Leiden/Boston 2026, S. 94–105. DOI: 10.1163/9789004736979_009.
Habel, Kai/Hechenblaikner, Nina/Kaiser, Jonas/Schrenk, Willi (Eds.): Diplomatie am Ende des Kalten Krieges. Erinnerungen an die dritte KSZE-Folgekonferenz in Wien (1986–1989) (Historische Europastudien 29), Baden-Baden 2025.
Habel, Kai/Hechenblaikner, Nina/Kaiser, Jonas/Schrenk, Willi: Stimmen aus Wien. Das Wiener Folgetreffen (1986–1989) in Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, in: Habel, Kai/Hechenblaikner, Nina/Kaiser, Jonas/Schrenk, Willi (Eds.): Diplomatie am Ende des Kalten Krieges. Erinnerungen an die dritte KSZE-Folgekonferenz in Wien (1986–1989) (Historische Europastudien 29), Baden-Baden 2025, p. 11–47.
Hechenblaikner, Nina: Diplomatie und ihre Einflüsse. Prägende Akteursgruppen für die Verhandlungen zur humanitären Dimension beim KSZE-Folgetreffen in Wien (1986–1989), in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 35 (2024) 2, p. 154–173 (DOI: 10.25365/oezg-2024-35-2-8).
Hechenblaikner, Nina: Die humanitäre Dimension des KSZE-Prozesses und das Ende des Kalten Krieges, in: Nagornaia, Oskana/Fieseler, Beate (Eds.), Der Zerfall der Sowjetunion und das Ende der DDR als historische Zäsuren, Wiesbaden 2024, p. 15–26 (DOI: 10.13173/9783447122269.i).
Laimer, Roland Ernst: Die KSZE und der Umweltschutz. Korb II beim Wiener KSZE-Folgetreffen (1986–1989) aus der Perspektive der Ballhausplatzdiplomatie, Innsbruck 2023 (Masterarbeit).
Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea: The CSCE Follow-up Meeting in Vienna (1986–1989). An Introduction, in: Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea (Eds.): Freedom and Security. The CSCE and the End of the cold War (1986–1989) (New Perspectives on the Cold War 12), Leiden/Boston (in print).
Brait, Andrea: Negotiations on Cultural Cooperation at the Vienna Follow-up Meeting from the Perspective of the Austrian Foreign Ministry, in: Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea (Eds.): Freedom and Security. The CSCE and the End of the cold War (1986–1989) (New Perspectives on the Cold War 12), Leiden/Boston (in print).
Hechenblaikner, Nina: Front Page News or Side Note? The Human Dimension of the Vienna CSCE Follow-up Meeting in Austrian and West German newspapers, in: Hechenblaikner, Nina/Brait, Andrea (Eds.): Freedom and Security. The CSCE and the End of the cold War (1986–1989) (New Perspectives on the Cold War 12), Leiden/Boston (in print).
Konferenz
Freiheit und Sicherheit. Die KSZE und das Ende des Kalten Krieges (1986–1989), Innsbruck (online), 17./18. November 2022 –Tagungsbericht
Vorträge
Brait, Andrea: Kulturelle Zusammenarbeit als KSZE-Verhandlungsgegenstand Ende der 1980er-Jahre, Kulturgutverletzungen und die Erosion des Völkerrechts – das Recht des Stärkeren?, Krems 05.11.2025.
Brait, Andrea: Steter Tropfen höhlt den Stein? Verhandlungen zu kulturellen Kooperationen am Wiener Folgetreffen, Freiheit und Sicherheit am Ende des Kalten Krieges (1986–1989), Innsbruck (online) 17.11.2022.
Hechenblaikner, Nina: „Das war damals eine Aufbruchsatmosphäre“. Die Berichterstattung über das dritte KSZE-Folgetreffen in Wien (1986–1989), 15. Österreichischer Zeitgeschichtetag, Graz 13.04.2024.
Hechenblaikner, Nina: Schlagzeile oder Randnotiz? Die humanitäre Dimension der Wiener KSZE-Folgekonferenz in österreichischen und bundesdeutschen Tageszeitungen, Freiheit und Sicherheit am Ende des Kalten Krieges (1986–1989), Innsbruck (online) 17.11.2022.
Hechenblaikner, Nina: The importance of networks. Human Rights at the third CSCE Follow-up Meeting in Vienna (1986–1989), Workshop Neutral States and Non-State actors and Geopolitics, Freiburg 11.11.2022.
Hechenblaikner, Nina: Die Überwindung der Teilung Europas. Das dritte KSZE-Folgetreffen in Wien (1968–1989), Workshop: Teilungen Europas – Ideen, Politik, Praktiken, Toblach 06.05.2022.
Hechenblaikner, Nina: Die humanitäre Dimension des KSZE-Folgetreffens in Wien. Menschenreche am Ende des Kalten Krieges, 14. Österreichischer Zeitgeschichtetag, Salzburg 21.04.2022.
Hechenblaikner, Nina: Durchbruch bei den Menschenrechten? Die humanitäre Dimension des dritten KSZE-Folgetreffens in Wien (1986–1989), Nachwuchsworkshop der DRGK, Düsseldorf (online), 11.01.2022.
Hechenblaikner, Nina/Oberbichler, Sarah: Research with digitized historical newspaper in practice. Challenges, methods and collaboration, ONB Labs Symposium 2021, Wien (online) 24.11.2021.
Hechenblaikner, Nina: „Wir hoffen auf Ihre Hilfe!“. Die humanitäre Dimension des dritten KSZE-Folgetreffens in Wien (1986–1989), Workshop on Cold War Studies, Berlin 5.11.2021.
Hechenblaikner, Nina: Breakthrough in Human Rights? The CSCE Follow-Up Meeting in Vienna, The CSCE Follow-up Meeting in Vienna (1986–1989). Struggling for Human Rights and European Security at the End of the Cold War, Genf 22.10.2021.
Hechenblaikner, Nina: Durchbruch bei den Menschenrechte? Die Auswirkung des Wandels in Osteuropa auf das KSZE-Folgetreffen in Wien, Forschungskolloquium der Stiftung Universität Hildesheim, Hildesheim (online) 16.06.2021.
Laimer, Roland: Das „Stiefkind“ der Wiener KSZE-Konferenz? Korb II aus der Perspektive der Ballhausplatzdiplomatie, Freiheit und Sicherheit am Ende des Kalten Krieges (1986–1989), Innsbruck (online) 17.11.2022.